Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis einer internationalen Gesundheitsinitiative
Von Miriam Wagner Long
Durch die jahrelange Tätigkeit in einer Patientenorganisation weiß ich: Fundraising entscheidet nicht nur darüber, ob wir Projekte umsetzen können – sondern wie nachhaltig, wie wirksam und wie patientenzentriert wir arbeiten.
In den letzten Jahren durfte ich im Rahmen des globalen Gesundheitsprojekts Project Mercury lernen, was passiert, wenn Fundraising nicht als Maßnahme, sondern als strategische Führungsaufgabe verstanden wird. Die Erfahrungen aus zehn Ländern, unzähligen Gesprächen mit Patient:innen, Kliniken, Forschenden, Förderern und Partnern zeigen eines sehr deutlich:
Fundraising ist kein Tool. Fundraising ist Beziehungsarbeit, Organisationsentwicklung und unternehmerische Voraussicht – gerade im Gesundheitswesen.
Gesundheit ist kein Privileg – und Fundraising kein Selbstzweck
Im Gesundheitsbereich arbeiten wir nicht für Märkte, sondern für Menschen. Für Patient:innen, die oft jahrelang auf eine Diagnose warten. Für Familien, die mit Unsicherheit leben. Für Kliniken und Forschungsteams, die Lösungen wollen – und Strukturen brauchen.
Gerade bei seltenen Erkrankungen wie FSHD (Facioscapulohumerale Muskeldystrophie) sind die Herausforderungen überall ähnlich:
- verzögerte Diagnosen
- fehlende Studieninfrastruktur
- geringe Patient:innen‑Readiness
- regulatorische und finanzielle Hürden
- langsamer Zugang zu Therapien – selbst nach Zulassung
Diese Probleme lassen sich nicht national lösen. Sie verlangen nach globaler Zusammenarbeit – und nach Organisationen, die lokal handlungsfähig sind.
Project Mercury: Globale Vision, lokale Verantwortung
Project Mercury verbindet heute über 30 Patientenorganisationen in zehn Ländern. Ziel ist es, strukturelle Hürden abzubauen, die Entwicklung von Therapien zu beschleunigen und deren Zugang weltweit vorzubereiten.
Der Schlüssel dabei ist kein zentraler Geldtopf – sondern ein klarer, skalierbarer Aufbau:
- Global Task Force mit Patient:innenvertretungen, Kliniken, Wissenschaft und Industrie
- Country Working Groups als Herzstück: lokal geführt, patientenzentriert, strategisch angebunden
- Drei inhaltliche Arbeitsgruppen: Access, Readiness und Sustainability
Diese Struktur zwingt uns zu einer unbequemen, aber notwendigen Frage:
Wie gut sind wir als Organisation eigentlich aufgestellt, um Fundraising systematisch umzusetzen?
Fundraising beginnt nicht mit dem Antrag, sondern mit der Haltung.
Eine der wichtigsten Learnings aus Project Mercury ist die Erkenntnis, dass erfolgreiche Mittelbeschaffung immer auf vier Fundamenten steht:
1. Eine einheitliche Vision
Ohne Wenn und Aber. Klar genug, um Entscheidungen zu leiten – auch unbequeme.
2. Menschen und Netzwerke: Fundraising funktioniert nicht anonym
Es lebt von Beziehungen, Vertrauen und gemeinsamer Verantwortung.
3. Unternehmerische Voraussicht
Wer erst bei akutem Finanzbedarf handelt, kommt zu spät. Strukturen müssen vor der Krise stehen.
4. Fundraising‑Potenziale
Die meisten Organisationen haben mehr Potenzial, als sie glauben – sie fragen nur nicht systematisch danach.
Fundraising ist damit kein operatives Anhängsel, sondern Teil von Governance, Strategie und Organisationsentwicklung.
Readiness schlägt Reichweite
Im Projekt haben wir für jedes Land analysiert:
- Strukturen
- Prozesse
- Inhalte
- Kommunikation
- Entscheidungswege
Nicht um zu bewerten – sondern um gezielt aufzubauen. Denn: Eine Organisation mit klarer Governance, belastbaren Prozessen und einer guten Story ist für Förderer attraktiver als jede Hochglanzkampagne ohne Substanz.
Ein Patientenregister zum Beispiel ist nicht nur ein Forschungsinstrument. Es ist:
- ein Argument im Case for Support
- ein Signal für Professionalität
- ein Hebel für klinische Studien
- ein Anknüpfungspunkt für Großspender:innen
Diversifizierung ist kein Luxus – sondern Risikomanagement
Ein weiteres zentrales Learning: Abhängigkeit von einer einzigen Finanzierungsquelle ist gefährlich.
Erfolgreiches Gesundheitsfundraising denkt in Programmen, nicht in Einzelmaßnahmen:
- Vision → Mission → Meilensteine → Projekte → Kanäle
- Großspenden, Stiftungen, Unternehmenspartnerschaften, Events, Fördermittel – sinnvoll kombiniert
- Einheitliche Materialien, aber lokal adaptiert
Was andere Organisationen daraus mitnehmen können
Ob Patientenorganisation, Klinik oder Stiftung – die Learnings aus Project Mercury lassen sich übertragen:
- Vernetzung ist Strategie, kein Zufall.
- Infrastruktur baut man jetzt auf – nicht später.
- Fundraising ist Führungsaufgabe.
- Patientenzentrierung ist kein Buzzword, sondern ein Qualitätskriterium.
- Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit entscheiden.
Fundraising ist dann erfolgreich, wenn es Organisationen befähigt, nicht nur Projekte finanziert.
Mein Fazit
Globale Initiativen wie Project Mercury zeigen, was möglich ist, wenn Vision, Struktur und Haltung zusammenkommen. Die lokale Wirkung entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – mit den richtigen Werkzeugen, aber vor allem mit Klarheit und Mut.
Fundraising ist dabei nicht das Ziel. Es ist der Weg, um Wirkung möglich zu machen.







